Ausradierter Urlaub

Die Geschichte, die mir bei meiner Arbeit mit Praxisteams am meisten im Gedächtnis geblieben ist und die teilweise dafür verantwortlich war mich tiefgreifender mit den Möglichkeiten zu Fortbildungen und Teambuildings in der Branche zu beschäftigen, hat sich schon sehr am Anfang meiner Karriere als Teamtrainer und Mitarbeiterentwickler abgespielt.
In einem Einzelgespräch mit der Angestellten einer Zahnarztpraxis am Rande eines Outdoor-Events in einem Kletterpark habe ich versucht die Stimmung in deren Team und eventuelle Probleme zu erfragen. Das Event selbst fand nicht mit Arbeitskolleginnen der ZFA statt, sondern über eine private Gruppierung. Auf die Frage, ob es Probleme im Team gibt, bekam ich erstmal die Standard-Antwort „Nein, alles läuft bestens“. Gefolgt von einer kurzen Pause und dann einem „bis auf das mit dem Urlaub halt“. Weiteres Nachfragen habt dann eine für mich eher unglaubliche Geschichte zutage gebracht, nämlich die, dass es offensichtlich in einem Ordner einen Urlaubskalender gibt, in den man sich eintragen kann bzw. muss. Soweit so gut, die Eintragungen wurden anscheinend auch in irgendeiner Art und Weise miteinander besprochen und einzelne Urlaubszeiten ausgehandelt. In einem nächsten Schritt gab es aber offensichtlich zwei Kolleginnen, die es aufgrund der Dauer ihrer Praxiszugehörigkeit für in Ordnung hielten, danach Namen durchzustreichen, bzw. auszuradieren und sich ihre Lieblingstermine einzutragen ohne anderen Bescheid zu sagen oder gar zu fragen.
Auf mein Nachhaken, dass das ja eine merkwürdige Geschichte sei, aber man da ja dann wohl zu dem Vorgesetzten, in diesem Falle dem Praxisinhaber geht und protestiert und damit das Problem geklärt sein sollte, wurde mit nur erzählt, dass das natürlich gemacht wurde und man mit den Worten abgespeist wurde, dass das ja wohl nicht sein Problem sein und die Angestellten das gefälligst untereinander klären sollten. Hauptsache es wären immer genügend anwesend.
Ein derartiges Ignorieren der Chefrolle habe ich nicht für möglich gehalten und ich fand es schade, dass die Veranstaltung kein Teambuilding der Praxis war. Ich gehe mal davon aus, dass ein solcher Vorgesetzter seine Mitarbeiter auch nicht zu einem Teambuilding schicken wird.

Nun kann man darüber streiten, ob ein Arzt nicht tatsächlich besseres zu tun hat, als den Urlaubskalender der Mitarbeiterinnen mit allen einzeln zu besprechen und zu versuchen alle Einzelwünsche unter einen Hut zu bekommen. Dafür ist möglicherweise seine Zeit zu teuer, schließlich wird fast nur Geld verdient, wenn er direkt am Kunden arbeitet. Das heißt, es ist durchaus legitim, dass solche Dinge im Team geklärt werden und letztendlich nur die Entscheidung zur Zustimmung oder zu einem Veto vorgelegt wird.

Zwei Dinge gehen aber gar nicht. Erstens, dass innerhalb des Teams offenbar eine Stimmung des Gegeneinanders herrscht, die dafür sorgt, dass man seinen Kolleginnen nicht trauen kann und dass nicht bereits im Vorfeld Strukturen geschaffen wurden, die dafür sorgen, dass klar ist, wer Moderationsrollen einnimmt und wer im Team das letzte Wort hat. Auch wenn leider oftmals in Praxen sehr viele Mitarbeiterinnen den gleichen Ausbildungsstand haben, bedeutet das nicht, dass es völlig ohne Hierarchie funktioniert. In vielen Praxen gelingt dies ganz mühelos über die Dauer der Zugehörigkeit oder letztendlich auch darüber wer Interesse hat Führungsaufgaben innerhalb des Teams zu übernehmen, hier hat das offensichtlich nicht so funktioniert, dass es gerechte Entscheidungen geliefert hätte. Gelingt das nicht, dann muss eine Hierarchie geschaffen werden, in der einzelnen Personen klar und öffentlich die Führungsrolle gegeben wird.
Das zweite ist, dass spätestens bei Unstimmigkeiten innerhalb des Teams und bei Unzufriedenheiten trotz eines Hierarchiesystems im Team, der Vorgesetzte als Krisenmanager gefragt ist. Die Selbstständigkeit als Praxisinhaber bringt eben auch die Verpflichtung mit sich, sich um Belange der Angestellten zu kümmern, die tagtäglich dazu beitragen, dass die Praxis wirtschaftlich läuft. Würden sie ihren Beitrag dazu nicht leisten und wären sie verzichtbar, wären sie wohl nicht eingestellt worden. Auch da gilt wieder, sich darum zu kümmern kann natürlich auch delegiert werden, indem man einer Person das Recht und die Autorität dazu verleiht. Erst wenn dann immer noch Streitigkeiten auftreten, ist man selbst wieder an der Reihe und gänzlich kann man sich nicht aus der Verantwortung nehmen.
Alles in allem aber gottseidank ein sehr seltener Fall von ‚ich bin der Chef, lasst mich in Ruhe‘ der allerdings die Stimmung in diesem Team nachhaltig zerstört hat. Man kann allen Praxisinhabern nur raten eine Hierarchie bzw. besser gesagt eine Organisationsstruktur zu installieren, damit jeder Mitarbeiter weiß, an wen man sich wenden kann und wer bei Entscheidungen das letzte Wort haben sollte und wer vermitteln kann, damit man sich selbst um die Dinge kümmern kann, die genauso zum Erfolg der Praxis beitragen, die man aber nur selbst erledigen kann.